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Ästhetische Strategien
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Medienchirurgie 101

Produkt des Monats November 2011

von Malte Pelleter

Zugegeben. Es ist im Moment ziemlich billig, wenig einfallsreich jedenfalls, etwas zu James Blake zu schreiben. Aber es geht hier nicht darum, noch mehr Werbung um das vielbeschworene Wunderkind zu machen. Es geht um eine Klarstellung:

PE told you before – »DON‘T believe the hype«: James Blake ist KEIN Songwriter! Songwriter gibt es gar nicht. Die ›Dichterseele‹ war und ist – RIP: FAK – nur Ausstülpung eines längst vergangenen Aufschreibesystems.

James Blake schreibt noch keine Songs, bloß weil das ›seine‹ Stimme zu sein scheint, die sich da zwischen all dem Geknister und unter all den leiernden Synthie-Schwaden langsam hervorwindet. Er schreibt noch immer keine Songs, bloß weil irgendwo hinter der elektronischen Eleganz der 808 auch jenes mechanische Monstrum, das man Klavier nannte, zu hören ist. Und erst recht schreibt er keine Songs, bloß weil das dem versammelten, vor Kitsch triefenden Feuilleton so sehr in den Kram passen würde, um die ganze Geschichte endlich noch einmal von vorne erzählen zu dürfen.

James Blake schreibt keine Songs. Er unternimmt medienmateriale Chirurgie – und wir alle wissen, dass die Kunst dessen, was 1936 ›technische Reproduzierbarkeit‹ hieß, eine chirurgische zu sein hat. Der Chirurg J.B. zerlegt immer wieder feinsäuberlich den (Medien-)Körper dieses Songwriters, der er hätte sein können.

JFL says: »Öffnet den sogenannten Körper und hebt alle ihn bedeckenden Schichten ab: Es genügt nicht, die Haut mit all ihren Runzeln, Falten, Narben, mit all ihren großen, samtigen Flächen und die angrenzende Kopfhaut mit dem Haarvlies, das weiche Schamfell, die Brustwarzen, die Nägel, die durchsichtige Hornschicht unter der Ferse, die mit Wimpern besetzte, durchscheinend dünne Substanz der Lieder zu öffnen [...] Man darf nicht vergessen, die Zunge und alle Teile des Sprechapparats mit allen Tönen zu verbinden, die sie hervorbringen können, und außerdem noch das gesamte Selektionsnetz von Klängen, das ein phonologisches System darstellt, denn auch das gehört zum libidinösen ›Körper‹, [...]«

Genauso bei James Blake: Er zerstückelt die hinter der ›eigenen Stimme‹ zwangsläufig vermutete Innerlichkeit. Mal präzise mit dem Skalpell, mal grob wie mit einem Fleischermesser schneidet er Fetzen heraus; spannt sie auf einem Gestell aus Kick-Drums auf, das sie knarzend immer weiter auseinander zerrt, bis sie schließlich reißen und sich überschlagen; spießt sie auf HiHats auf oder peitscht sie mit Snares.

Aus anderen Fetzen züchtet er Klone heran; Medienmutanten des ach so eigenen ›Selbst‹. Immer höher schichtet er solche pitch-shifted identities entlang des Frequenzspektrums zu Türmen auf, wenn er mit dem Mensch/Autotune-Hybriden Bon Iver einen Knabenchor gründet. Kolonnen von ›gestimmten Stimmgabel-Subjekten‹, wie bei JLN. James Blake demontiert immer wieder mit gezielten Schnitten dieses ›Selbst‹, an das er uns vorher über die SONG-Länge von Joni Mitchell‘s ›A Case of You‹ hinweg glauben machen wollte. Dekombination, Rekombination, Ausfransen von Identitäten – Das alles ist nun sicherlich nicht neu. Jedoch, neu ist eben ebenso wenig, dass die ›Neuheit‹ an sich ein wenig in die Jahre gekommen ist.

James Blake schreibt keine Songs. Aber man täusche sich nicht: Er macht auch keine ›Maschinenmusik‹. Wenn, dann macht er Musik, die die Maschinen zum Weinen bringt. Während bei TWA noch die Tränen des erschauernden Experten-›Hörers‹ langsam die knittrige Partitur durchnässen, beweinen heute ein ergriffen leuchtendes MacBook und ein gerührt schluchzender Prophet-Synthesizer die Leiden des jungen Blake. Und hier geht es nicht um eine Anthropomorphisierung der Technologie. Eher um eine Anthropo-Instrumentalisierung: Vielleicht wäre eher zu fragen, wie Rechner und Synthie James Blake benutzen, um endlich balladen-fähig zu werden; genauso wie das Dispositiv ›Akustik-Gitarre‹ durch Verkopplung von Gitarre, HiFi-Ästhetik und romantischen Genie-Diskursen inkl. Authentizitäts-Konzept einst die leidige Subjektposition ›Songwriter‹ entwarf.

Wie auch immer. James Blake ist kein Songwriter. Ihn als solchen zu bezeichnen, verfehlt genau das Ergreifende dieser Musik. Der überfällige Kurzschluss zwischen jener überkommenen ›Innerlichkeit‹ mit allgegenwärtigen Medientechnologien ist heute allemal näher am ›Stand des Materials‹ als die wiederholte Rückkehr ans Lagerfeuer.

Achja, das PdM heißt James Blake – Enough Thunder EP und ist bei Atlas erschienen.

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Und anschließend als Antidot: Trim – Confidence Boost (Harmonimix)

 

 

Quelle: http://audio.uni-lueneburg.de/pdm/pdm-1111.php, 24.09.2017