Sutsche

Techno Party Zeit Lupe

Produkt des Monats Mai 2009

von Andreas Otto

Im Interview, das Max Dax mit Aphex Twin zu dessen Platte "Richard D. James" 1996 in Hamburg führte, sagt der Komplexitäts-Pionier der elektronischen Tanzmusik:
"Viele meiner Tracks sind besser wenn man sie auf 33 Umdrehungen abspielt." Nur deshalb habe er das Album neben der CD Version auch auf Vinyl-Maxis gepresst, die sich eigentlich 45 mal pro Minute drehen.
Das ist pointiert, es gibt für die Vinylveröffentlichung sicher auch profanere Gründe, die das Label erläutern könnte, aber hier zeigt sich einmal mehr, dass der Plattenspieler nicht nur Abspielmedium ist, das die Musik aus dem Tonstudio oder Konzertsaal direkt in die eigenen vier Wände trägt, sondern dass er die Musik mitgestaltet.

Das DJ-Trio Sutsche aus Hamburg machen den 33-Button am Plattenspieler zum gestaltenden Prinzip für das Abspielen von Vinyl-Maxis, die dann in Zeitlupe ablaufen, sutsche eben, tranquilo für Norddeutsche.

Die Beats verlangsamen sich auf Kopfnickertempo, die Bässe gehen weiter runter und die Breaks, diese besten Momente auf dem Tanzflur, dehnen sich aus. Das klingt wie ein Trick, ein Gag unter Eingeweihten, aber wer einmal bei einer Sutsche Party war, der weiß: Das funktioniert! Das wird abgefeiert!

Akaak, Martin Moritz und Sven Fred legen seit Jahren in Hamburg auf. Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen, vom Hip Hop, Techno, House und Acid, sogar Country. Als Sutsche beschränken sie sich auf elektronische Tanzmusik zwischen 120 und 130 bpm, sie muss auf Vinyl gepresst sein und im Original auf 45 Umdrehungen laufen.

"Einige Platten werden durch Sutsche erst geadelt" sagt Axel Kochmeier, der als akaak auflegt und übrigens auch mal in Lüneburg studiert hat, "es gibt Unmengen an Technoplatten, die ich im Original nicht mehr oder noch nie gut hören konnte, die aber beim Verlangsamen plötzlich eine neue Tiefe oder einen neuen Groove kriegen."

Trotzdem taugen längst nicht alle Platten zum beliebigen Entschleunigen. Ein Sutsche-Set vorzubereiten ist zeitaufwändig, naturgemäß, aber die drei hören ganz genau hin, welche Stücke auf 33 hinhauen und welche nicht.
"Gerade mal 10% funktionieren 'auf sutsche'. Es sind speziell so Tracks mit viel Kleinkram drin, Samples und Arpeggios, die dann ihre Wirkung tun, wir sind selbst immer wieder überrascht, was da auf einmal für eine Wucht rauskommt. Es geht uns nämlich nach wie vor darum, guten Rave zu machen", meint Sven Fred, der gerne und begeistert vom ersten Sutsche-Abend berichtet:
"Wir haben letzten Herbst in der Yoko Mono Bar aufgelegt, wo der DJ neben dem Tresen in Zimmerlautstärke auflegt und eigentlich um 3 Uhr Schluss ist, und wir haben konsequent den ganzen Abend nur auf 33 gespielt. Das Resultat war, dass die alle am Tanzen waren bis es hell wurde!"

Wenn man Techno langsam spielt, kann natürlich passieren, dass das ganze als Klamauk verstanden wird, nach dem Motto: Schaut mal wie lustig der Track klingt wenn wir auf "33" drücken. "Solche Jokes mit Hits wollen wir vermeiden" betont Akaak, "obwohl zum Beispiel der 'Flatbeat' von Mr.Oizo echt ein Sutsche-Knaller ist." Und Martin Moritz fügt hinzu: "Sutsche ist für uns ein total eigenständiger Sound, es gibt keine andere Musik, die das schafft. Viel machen wir ja nicht, diese Alteration ins Langsame ist ganz einfach, aber es entsteht eine komplett neue Welt dadurch. Erfunden haben wir das nicht, das machen ja auch schon andere Leute, wenn vielleicht auch nicht in der Konsequenz, in der wir es betreiben."

Im Zuge des Hypes der Verlangsamung um Dubstep & Co in den vergangenen Jahren ist das Feiern bei 90 bpm auch für Techno-Sozialisierte salon- und clubfähig geworden. Sutsche haben mittlerweile mehrfach gespielt, unter anderem im Pudel, im Uebel & Gefährlich und auch im tollen derzeit in Hamburg gastierenden Kubik-Club, für den Sommer sind Festival-Gigs geplant. Ein Sutsche Set dauert mindestens fünf Stunden. Anhören kann man sich einige Live-Mitschnitte auf ihrem myspace, das übrigens komplett in norddeutschem Platt gehalten ist. Als Logo eine Schnecke. Und wenn man dann erfährt, dass ein so malerisches Wort wie "Tingeltuten" Platt für Schnecken ist, dann ahnt man: Hier passt so einiges wunderbar zusammen, die drei machens so richtig weil es so einfach ist, und wir werden garantiert noch mehr von denen hören.

 

ps: Das Interview mit Aphex Twin kann man hier nachlesen:

Max Dax: Dreißig Gespräche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.

Tolles Buch!

 

 

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pdm/pdm-0905 - Illustration
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