Ways of Wondering - Audioguide

Produkt des Monats November 2006

von Tobias Ruderer

Zugegeben, Audioführungen sind nicht der letzte Schrei. Auch die Strategie, digitale Geräte und Inhalte anzubieten, die zwischen den Besucher/Touristen/Rezipienten und das Kunstwerk/die Stadt/das Exponat gestellt werden und als Aufmerksamkeitserreger und -filter gleichermaßen dienen, nicht. Andererseits ist so ein, sagen wir mal: Kopfhörer auch durchaus etwas Angenehmes, wenn, was rauskommt, mehr ist, als Soundeffekt plus Vorgelesenes. Die Erfahrung nämlich, dass das Entdecken von Neuem durchaus ermüden kann, wenn es zu einem großen Teil aus den Elementen (1) kurz schauen (2) Text lesen (3) entscheiden, wo man als nächstes (1) und (2) betreibt, besteht, hat wohl jeder, der dies liest, schon einmal gemacht. Spätestens mit der Eröffnung des Literaturmuseums in Marbach, in dem umfassende multimediale Information über den Inhalt des jeweiligen Glaskastens ausschließlich über einen GPS-gesteuerten Leih-Palm zugänglich ist, kommen Projekte einer gewissen wirtschaftlichen und politischen Größenordnung mit Beschilderungen und Begleitheften allein nicht mehr weit.

So mag man auch bei der Hamburger Kulturbehörde gedacht haben, als die Eröffnung der Ausstellung ‚10° Kunst‘ näher rückte und hat deshalb noch rechtzeitig einen Audioguide in Auftrag gegeben. Diesen ergatterte sich eine frisch gegründete Firma aus zwei Lüneburger KulturwissenschaftlerInnen und einer jungen Wiener Kommunikationswissenschaftlerin. Der Wunsch, trotz des ersten Jobs oder der letzten Prüfung etwas Eigenes zu machen, führte zu der Gründung von wow – ways of wondering und dann zum fertigen Produkt, unserem Produkt des Monats, der Audioführung ‚Treffen wir uns bei 10° Kunst'.

Der zehnte Längengrad führt quer durch Hamburg etwa senkrecht zur Elbe, und mit dieser Tatsache durften sich vier ebenfalls von der Behörde beauftragte Künstler und Künstlerinnen auseinandersetzen, vor allem deshalb, weil auf dieser Achse, in der Verlängerung von Jungfernstieg-Speicherstadt in diesen Jahren die HafenCity entsteht. Eine 40-prozentige Erweiterung der Innenstadtfläche ist das, so sagt uns der Chef der HafenCity Gmbh auf dem Audioguide. Man kann jetzt nicht mehr so gut dort skaten, seit die, die sich's leisten können, dort die ersten Wohnungen bezogen haben, so hören wir kurz danach einen Jugendlichen. Vorher haben sich zwei versteinerte Statuen gestritten, wer denn nun mehr für Hamburg getan habe. Künstler geben Hinweise zu ihren Werken. Eine Erzählfigur, die Stimme im Ohr also, macht sich auf diese ganzen Statements und Einspielungen ihren Reim und lässt den Spaziergänger an Erkenntnissen über Geschichte, Kunst und Städtebau teilnehmen, nebenbei erklärt sie den Weg. Das erste größere Projekt von wow begeht (noch) keine neuen Wege auf dem Gebiet Experimentelles Audio, dafür wäre der Anlass der Falsche. Die Begleitung eines Projektes, das dazu dient, ein anderes, durchaus umstrittenes städtebauliches Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung zu befördern, in dem Kunst in Auftrag gegeben wird, die das Projekt wieder kritisch betrachtet, ist nicht einfach. Doch trotz logistischer (Termindruck, Navigation) politischer und anderer Sachzwänge ist die Möglichkeit zu einem einstündigen Spaziergang entstanden, der auch für Hamburg-Kenner durchaus mal einen Sonntagnachmittag wert ist. Dabei wurden die richtigen, interessanten Leute interviewt, elegant montiert, sauber geschrieben, und von Seiten der Produzenten und Produzentinnen hat man den Eindruck, dass der Humor eher freiwillig, gelegentliche Verwunderung (wow) durchaus beabsichtigt ist.

Die Audioführung gibt es als Podcast zum Abonnieren, als MP3-Paket zum Runterladen oder direkt im Stream zum Hören, alles umsonst, öffentliche Kulturversorgung, y'know. Das Kunstprojekt läuft übrigens nur noch bis zum Ende des Jahres, eine Fortsetzung des Podcasts ist zu erwarten. Also: Treffen wir uns...?

Das Material zum Abonnieren, Runterladen oder Streamen ist zu finden unter:

zehngradkunst.hamburg.de

waysofwondering.com


 

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pdm/pdm-0611 - Illustration
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