Smallville

Produkt des Monats März 2006

von Heiko Gogolin

Plattenläden sind weit mehr als einfach nur Tempel des freudigen Tonträgerkonsums. Sie bilden Schmelztiegel ganzer Musikszenen. Den Recordshop als soziokulturellen Treffpunkt und Auffangbecken von Hängernaturen mit seinen wundervollen Nerd-Fachgesprächen wurde von Nick Hornby in „High Fidelity“ bereits brilliant portraitiert. Technoplattenläden bilden jedoch einen ganz eigenen Schlag: Denn hier kaufen hauptsächlich DJs ein und solche, die es werden wollen. DJs werden vom Clubgänger dafür bezahlt, dass sie sich als ihr Stellvertreter jeden Tag durch den unüberschaubaren Haufen an obskuren Veröffentlichungen auf ebenso obskuren Kleinstlabels wühlen und den heißen Scheiß herausfischen. Dabei geht es schon mal elitär zu. Schließlich ist die Zusammenstellung der Plattenkiste das wichtigste Kapital der vinyldrehenden Zunft.

Irgendwie schlägt dieser Elitarismus oft nach einiger Zeit auch auf den Laden über. In berühmten Technoplattenläden wie dem „Hardwax“ in Berlin herrscht meist eine regelrechte Saloon-Atmosphäre: Wenn sich ein potenzieller Käufer mit einem Tonträger dem Tresen nähert, sollte auf jeden Fall das richtige, hippe Label auf der Platte stehen. Ansonsten erntet man gerne mal missbilligende Blicke oder es setzt gar verbale Keule. Eigentlich total verwunderlich, schließlich sorgt man als Kunde für den Umsatz im Laden. Außerdem fragt man nicht den Verkäufer nach der neuen Santana-Scheibe, sondern möchte schlicht und einfach eine Platte aus dem jeweiligen Angebot des Shops erstehen.

Ebenso eigensinnig (und auch bei „Hardwax“ zu beobachten) sind die Hierarchien unter den Käufern: Nicht jeder Kunde kriegt jede neue Platte zu kaufen. Die DJs, die derbe unten sind mit den Techno-Urgesteinen am Paul Linke Ufer dürfen sogar über die Laden-PA in die neuen Scheiben reinhören: Für den Otto-Normalo-Besucher eine Tortur sondergleichen, da man nirgendwo so funktional in Musik reinhört wie in Technoplatten (die Nadel wird erst kurz nach dem Anfang, dann in die Mitte und schließlich aufs Finale des Tracks niedergelassen).

Im relativ neuen „Smallville“-Plattenladen in der Hansestadt Hamburg wird jedoch all dem eine Absage erteilt. Schließlich ist das Protektorat von Insider-Superspezialwissen eh ein Relikt der 90er, wenn nicht gar der 80er Jahre. Auch wenn sich die folgenden Sätze nach einem Werbeprospekt anhören: Bei „Smallville“ ist der Kunde noch König. Die Menschen hinter der Ladentheke sind fachkompetent und trotzdem nett und gerne bereit Tipps zu geben. Man kann sogar seine Freunde und Freundinnen mit in den Laden nehmen, ohne dass sie schief angekuckt werden. Das Angebot ist freigeistig, umfasst neben Techno- und House-Tunes auch Fanzines, Bücher und Zeitschriften und geht sogar bis in den Bereich der Neuen Musik hinein. Und die Preise sind derart fair, dass man sich fragt, wie die ihren finanziellen Schnitt machen. Einen solchen Laden kann Hamburg verdammt gut gebrauchen. Bei seinen drei Besitzern wird Musik noch gelebt. Und wir lieben sie dafür.

Smallville Recordstore
Hein-Hoyer-Strasse 56
20359 Hamburg St. Pauli

Tel. 040 / 7070 5358
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 12 – 20 Uhr
http://www.smallville-records.com

 

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pdm/pdm-0603 - Illustration
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