Pure Data

Produkt des Monats April 2005

von Florian Grote

Um zu verstehen, was Pure Data eigentlich ist, wird ein kurzer historischer Rückblick nötig sein, denn anders als man von vielen heißen neuen Entwicklungen annimmt, hat diese Software eine Geschichte. Und die geht so: Am IRCAM im Paris gab es Mitte der 1980er Jahr ein Computersystem, mit dem man komponieren konnte. Es trug den poetischen Namen "4X". Das an sich ist erstmal nichts besonderes, denn auch damals hatte die Computermusik bereits eine Entwicklung vor allem über die verschiedenen MUSIC-Systeme hinter sich. Ein junger Mann namens Miller Puckette arbeitete mit dem 4X und hatte die Idee, die Steuersoftware für dieses System auf einem normalen Heimcomputer, dem noch jungen Apple Macintosh zur Verfügung zu haben. Ein logischer Schritt, war doch der Siegeszug der Heim-PCs bereits angebrochen und es so kostengünstig möglich, Musik für das 4X-System zu komponieren, ohne an dem eigentlich klangerzeugenden Computer sitzen zu müssen. Zumindest könnte man so Skizzen erstellen und diese dann am 4X realisieren.

Miller Puckette entwickelte diese Steuersoftware in Anlehnung an alte analoge Modularsysteme als grafisch-objektorientierte Entwicklungsumgebung und nannte die Software "Max", eine Hommage an den Grandmaster of Computermusic, Max Mathews.
Max war aber eine so gute Entwicklungsumgebung, dass es nahe lag, die Software nicht mehr nur für den Gebrauch mit dem 4X-System zu verwenden, sondern sie einem größeren Nutzerkreis zugänglich zu machen. Die Firma Opcode nahm sich der Software an und 1991 war die erste kommerzielle Version von Max mit MIDI-Funktionalität auf dem Markt. Auf die Möglichkeiten dieser Software schienen Multimedia- und Installationskünstler jeglicher Couleur gewartet zu haben, denn seitdem benutzen sie es fast alle. Wohlgemerkt kann Max in der Grundvariante, die damals veröffentlicht wurde, keinen einzigen Ton von sich geben, sondern erzeugt und verarbeitet nur Steuerdaten, die an andere Klangerzeuger weiter gegeben werden.
Mit der Weiterentwicklung der Heimcomputer wurde auch die Echtzeitverarbeitung von Audiodaten auf diesen Systemen möglich. Miller Puckette baute für seine Version von Max die FTS (Faster Than Sound) Audioengine, Opcode entwickelte die MSP-Erweiterung für ihre Version.

Die Opcode-Version von Max wird heute von der Firma Cycling 74 in Kalifornien vertrieben und weiterentwickelt. Nach wie vor benutzen diese Software die meisten Medienkünstler weltweit und stellen damit großartige Dinge an. Eine friedliche, eine schöne Welt.

But oh, the times, they are a'changing. Denn Software mag sich heutzutage vielerorts nicht mehr an einen Herrn und Meister binden. Sie möchte frei und ungebunden durchs weltweite Netz springen wie ein junger Hund auf einer sonnigen Frühlingswiese. Deshalb hat sich Miller Puckette 1996 entschlossen, eine überarbeitete Version seiner Max-Variante mit offenem Quellcode der internationalen Entwicklergemeinde zugänglich zu machen: Pure Data war geboren.

Es ist Pure Data anzumerken, dass es von vornherein mit Audioverarbeitung entwickelt wurde, die Verzahnung von Steuer- und Audiodaten ist eleganter gelöst als in Max/MSP. Des weiteren wurde Pd bereits auf alle erdenklichen Computersysteme portiert und hat nun auch viele Freunde in der Linux-Gemeinde. Musikalisch-objektorientiertes High-Level-Programmieren geht in Pd leicht von der Hand, durch einfaches Strippenziehen mit der Maus verbindet man Software-Module miteinander und erschafft so komplexe Gebilde, deren Erschaffung "zu Fuß", also mittels Low-Level coding Programmzeile für Programmzeile leicht Tage oder Wochen hätte dauern können. Diese Arbeitsweise lädt ein zu experimentieren, ohne dass man sich Gedanken um Syntax und Compiler machen müsste. Der Frustrationsfaktor ist dadurch definitiv gesunken und es ist nicht vermessen zu sagen, dass nun statt der Programmierarbeit wieder Alkohol und andere Drogen die Rolle des terminierenden Faktors im Leben vieler Medienkünstler übernehmen könnten. Joy!

Da eine Entwicklungsumgebung wie Pd und Max/MSP dennoch alles andere als selbsterklärend ist, sollte jeder Neuling auf diesem Gebiet ein wenig Zeit für den Einstieg einkalkulieren. Sowohl für Max/MSP als auch für Pd liegen aber umfangreiche Tutorials vor, nach deren Bewältigung man schon recht weit ist. Es ist übrigens ziemlich egal, mit welchem System man anfängt, da sich beide nach wie vor sehr ähnlich sind und sich ein Max-Könner nach kurzer Umgewöhnung auch in Pd zurechtfindet und vice versa. Es spricht also nichts dagegen, den ersten Schritt in einem der beiden Systeme zu wagen.

Die Wahlheimat von Pd liegt im beschaulichen Graz in der Steiermark: http://pd.iem.at

Max/MSP gibt es bei www.cycling74.com

 

DruckversionXHTML
pdm/pdm-0504 - Illustration
Druckversion