Dual Kofferplattenspieler P Serie

Produkt des Monats Januar 2004

von Timo Meisel


Ich habe ein Faible für archaische Unterhaltungselektronik, das ich gerne in verranzten Haushaltsauflösungsgeschäften (Tipp: "Die Schatzkiste" in Hamburg-Billstedt) oder auf kruden Flohmärkten auslebe (zum Beispiel auf dem allsamstäglichen Wahnwitz-Trash-Basar Hellbrookstraße in Hamburg-Barmbek, Nähe Stadtpark). Hier erwerbe ich mit Vorliebe alte Radios, Verstärker oder Lautsprecherboxen für ein paar Euro fuffzig, teilweise grob vernachlässigte Beauties, teilweise absurde Vorrichtungen, die mit Fug und Recht weitgehend aus dem Alltagsgebrauch verbannt wurden.

Ich bastele im Rahmen meiner in punkto Elektrotechnik sehr begrenzten Möglichkeiten daran rum, vor allem, um offensichtliches wie z.B. "keine Nadel" oder "Kabel ab" zu korrigieren und die Oberflächenoptik wieder aufzupolieren, aber das ist nicht der wahre Grund, warum ich solches Zeug anziehend finde. Vielmehr fasziniert mich daran, wie frisch bereits tausend mal gespielte Songs klingen können, wenn man sie akustisch und rezeptionspsychologisch neu kontextualisiert, so zum Beispiel in einem anderen Setting hört (Küche, Balkon), mit kleinem oder ganz großem Sound (Minitransistor oder Röhrentruhe), mit sechs oder einer Lautsprecherbox, wobei ich in letzter Zeit eindeutig in Richtung Mono tendiere.

Das hat einen Grund, der in einer der famosesten Kneipen Berlins gelegt wurde, nämlich der auf der Falckensteinstraße in Kreuzberg ansässigen "Konrad Tönz" Bar. Hier bedienen regelmäßig Plattenaufleger mit erlesenem Geschmack rücklings zum Publikum sitzend zwei Dual-Mono-Kofferplattenspieler mit im Chassis eingebauter Box. Keine PA, keine MK2s, keine Crossfader, keine bpm-Bindung im fünfstündigen Elektronische-Tanzmusik Set, sondern geschichtsbewußter, abgehangener und raffinierter Ekklektizisums mit AC/DC, Charles Aznavour, Lee Morgan, Hank Williams, Esquivel und preiswertem Bier. Die Dual-Teile fetzen mit ihren sagenhaften sechs Watt los, und reichen dann leidlich aus, um den ca. 30 Quadratmeter großen Raum zu beschallen. Nur brüllen sie dann eben. Sie brüllen die Kinks, sie brüllen Burt Bacharach und sie brüllen manchmal Missy Elliot mit reserveloser, leicht übersteuerter, patinastrotzender Rotzigkeit.

Die Dual Serie P scheint ein Kind der frühen siebziger Jahre zu sein, sie erinnert äusserlich ein wenig an die Fender-Gitarrenverstärker aus dieser Zeit, denn bei Solchen wie bei Jenen ist das Sperrholzgehäuse mit demselben unverwüstlichem schwarzen Vinyl überzogen, welches den Geruch von Proberäumen prägt. An der linken Seite befindet sich ein ausziehbarer Transportgriff, auf der Rechten sind vier Standfüßchen für die platzsparende vertikale Unterbringung anmontiert. Auf der Rückseite sorgt eine Einlassung mit Schiebetürchen für die sachgemäße Unterbringung des Stromkabels, das der einzige Stöpsel ist, den man zur Inbetriebnahme benötigt. Dann Klappe abnehmen, einschalten, Platte drauf, Discoparty.
Spartanisch auch die Klangbeeinflussungsmöglichkeiten: Höhen, Tiefen, Lautstärke, An/Aus. Ein bestechendes Konzept, das Kabelhassern und Hi-End-Verächtern die Freudentränen in die Augen treiben sollte.

Das Tollste ist aber, wie gesagt, dieser pralle Sound. Mit dem im Gepäck kann man sich erneut auf die Reise in die verstaubteren Ecken der eigenen Plattensammlung begeben, wo einem zum Beispiel erneut klar werden könnte, warum Michael Jacksons "Thriller" eins der besten Alben aller Zeiten ist (m.E., "The Girl Is Mine" z.B. leidet schon sehr unter Paul McCartney) und Eddie van Halen einer der besten Gitarristen. Man kann den Besitz eines solchen Geräts aber auch zum Anlass nehmen, um sich auf den kruden Flohmärkten neben archaischer Unterhaltungselektronik verstärkt nach vinylgewordenen Zeugnissen der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts umzuschauen und sie auf ihren Hörgenussfaktor im Rotzmodus zu überprüfen.

 

 

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pdm/pdm-0401 - Illustration
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