Ableton Live 2.0 - Bastards rock on!

Produkt des Monats Februar 2003

von Florian Grote

Der Spaziergang durch die urbanen Konsum- und Ballungszentren des lonely planet endet für gewöhnlich in einer Reizüberflutung sirenenhafter Scheinversprechen klanglicher Art, denen zu widerstehen bzw. sich angewidert abzuwenden es meinerseits eigentlich keiner odysseus’schen Widerstandskraft sondern lediglich ansatzweise ästhetischen Empfindens bedarf. Doch was hilft’s? Von allen Seiten erschallen die Trompeten von Jericho, mit aller Macht geblasen um die Mauern meiner Konsumunwilligkeit gleich einem schlecht gebauten Legoturm in sich zusammenfallen zu lassen. Ich könnte mich nun sorglos zurücklehnen und die SEDRS (Sozialistische Einheitspartei Deutscher Radiosender) gründen, mit dem Kampfruf: „Wir bringen alle Hits der 80er, 90er und das Beste von heute!“. Endlich den Spendensumpf durch offene Werbefinanzierung bekämpfen! Nun ja. Ich jedoch beuge mich der Übermacht vom Edeka-Einkaufsradio und der lustigsten Morningshow der Stadt und muss erkennen, dass Cross-Marketing alles andere als eine kirchliche Wohlfahrtseinrichtung ist. Babylon shall fall.

Und wo bleibt die Musik? Instrumentalisiert für Werbezwecke, reduziert auf konsumbehilfliche Minimalbestandteile, eingepfercht in Mainstream-Playlists, die aus blechern klingenden Lautsprechern auf mich eindröhnen, ohne mir eine Wahl zu lassen?

Vor dem Hintergrund dieser traurigen Situation erscheint es als sinnvolle Strategie, sich wenigstens einen eigenen Mix der ohnehin allgegenwärtigen Umweltgeräusche zu erstellen. Mein Tool für solche Zwecke heißt Ableton Live. Die Ausgeburten der täglichen Beschallungsorgie finden ihren Niederschlag auf meiner Festplatte und wandern zächst auf den OP-Tisch eines Sample-Editors nach Wahl. Hier wird die Maus zum Skalpell und genüsslich seziere ich das eingefangene Audiomaterial, schneide taktgenaue Beatpatterns, alleinstehende Melodiephrasen und wehrlose Vocalsamples aus dem corpus delicti. Diese landen dann in meinem (nicht immer) wohlgeordneten Sample-Archiv, welches den Rohstoff für die Weiterverwertung in Live liefert.

Das eigentliche Arbeiten mit Live gestaltet sich äußerst angenehm. Dankenswerterweise haben die Entwickler auf eine fotorealistische Oberfläche verzichtet und statt dessen Vorteile der Computer-Arbeitsweise konsequent implementiert. Die meisten Arbeitsschritte lassen sich in Live per Drag & Drop umsetzen.

Live trägt den Untertitel „Sequencing Instrument“, und genau so ist die strategische Ausrichtung dieses Programms zu verstehen. Der in Echtzeit spielbare Sequenzer hat als Herzstück das Session-Fenster. Hier lassen sich die vorbereiteten Samples auf sog. Slots verteilen, in denen sie als Endlos-Loop wiedergegeben werden. Mehrere dieser Slots können gleichzeitig aktiv sein, also Samples wiedergeben. Die Samplewiedergabe lässt sich über eine kleine Play-Taste direkt am jeweiligen Sample-Slot starten, und zwar timinggenau innerhalb eines vordefinierten Rasters. Somit ist die rhythmische Integrität auch während einer Live-Performance gesichert, denn sofern die Samples korrekt geschnitten sind, wird die 1. eines Takts immer genau dort starten wo ich sie haben will, auch wenn ich die Play-Taste eine Achtel zu früh gedrückt habe. Samples, die gemeinsam gut funktionieren, können auch zu einer Gruppe zusammengefasst werden, so dass sie sich auf einen Tastendruck gemeinsam starten lassen.

Neben dem Session-Fenster bietet Live auch noch das Arrange-Fenster im klassischen Sequenzer-Stil (Zeitleiste & Spuren). In Kombination mit dem Session-Fenster lassen sich so ein vorbereitetes Arrangement und das freie Abfeuern von Loops bestens kombinieren. Samples lassen sich in Live auch noch in Echtzeit weiter bearbeiten, bspw. kann man – ohne die Wiedergabe stoppen zu müssen – das Material nach Lust und Laune timestretchen und pitchshiften. Im Sinne einer ausdrucksstarken Performance lassen sich in Live diverse Effekte als Plugins einbinden. Zum einen bringt das Programm bereits eine Sammlung klassischer Filter-, Delay- und weiterer Digitaleffekte mit, zum anderen lassen sich über die VST-Schnittstelle eine Unmenge an Plugins von Drittanbietern nutzen.

Mit Live lässt sich also relaxt arbeiten. Das Programm läuft stabil und arbeitet zudem ressourcenschonend. So kann man sich während einer Performance entspannt mit Laptop und Hefeweizen aufs Sofa zurückziehen, während sich der DJ das siebte Schweißtuch reichen lässt. Und wenn sich in meinem Rechner Britney Spears und Eminem paaren, Harry Belafonte ein Break beisteuert und der ominöse allgegenwärtige Werbesprecher seinen pseudowissenschaftlich-zahnmedizinischen Senf dazugibt, dann ist das Bastard-Pop par excellence. Urheberrechtliche Bedenken stellen sich bei mir auch nicht ein, denn ich nehme schließlich späte Rache an der Schlagerleidenschaft des Busfahrers aus meiner Grundschulzeit und allen anderen, die mich Zeit meines Lebens ungefragt akustisch malträtiert und meine Klang-Umwelt scheinbar in Besitz genommen haben.

Ableton Live 2.0 ist für EUR 399,- erhältlich auf ableton.com.

 

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pdm/pdm-0302 - Illustration
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