Neal Stephenson: Die Diktatur des schönen Scheins

Produkt des Monats November 2002

von Dremu Runte

Hier haben wir wirklich mal ein Buch für Kulturinformatiker; Es geht um den Computer und was er uns antut, aber alles so geschrieben, dass man kein Wort C++ sprechen können muss. "Wie grafische Oberflächen die Computernutzer entmündigen" heisst es im Untertitel und impliziert damit auch noch einen kämpferischen, aufklärerischen Ansatz. Kaum wundert es, dass hinten im Buch für "No Logo" von Naomi Klein und das "Schwarzbuch der Globalisierung" geworben wird. Doch ist dies Buch weniger an der endgültigen Aufklärung des Betruges des Computermarktes interessiert, als vielmehr an einem durchaus kurzweiligen essayistischen Rundumschlag betreffs des Themas GUI.

GUI, das sind die Grafischen User Interfaces, also alles was einen Computer benutzbar macht ohne, dass man kryptische Befehlszeilen in unansehnliche Textfenster eintippen muss. Natürlich ist eigentlich auch schon dieses "Fenster" eine Metapher, mit denen Stephenson hier vorsätzlich abgeschlossen haben will. "Seit aber der Mac herausgekommen ist, waren unsere Betriebssysteme immer auf Metaphern aufgebaut, und alles was Metaphern enthält, ist in meinen Augen Freiwild."

Neal Stephenson, so hoffe ich zumindest, ist eigentlich bekannt durch sein literarisches Werk. Mit seinen drei großen Romanen "Snow Crash", "Diamond Age" und "Cryptonomikron" hält er das Genre des "Cyberpunk" hoch, das maßgeblich von William Gibsons Neuromancer-Trilogie geprägt ist. Dabei besticht Stephenson durch die Geschwindigkeit seines Schreibstiles und die Tiefe seiner Themen, seien es die Zukunft von Buch und Information, Nanotechnik oder das Leben der Avatare in einem angenommenen visuellen Internet, das immerhin auf seine Ideenkonto geht. Mit dem Buch "Die Diktatur des schönen Scheins" hingegen begibt er sich auf das Terrain des Kommentars, den er zwar durchaus drauf hat, aber in dem er ein wenig zum Sprachrohr des Hackers wird, mit dem er selbst nicht so viel gemeinsam zu haben scheint.

Insgesamt ist das Buch trotzdem ein gelungener, wenn auch nur Anstoß gebender Essay, der in seiner Wirkung weit hinter dem zurückbleibt, was Stephenson in seinem literarischen Werk zu bieten hat. Und das Linux im Vergleich zu MacOS und Windows, egal welcher Generation technisch, preislich und weltanschaulich überlegen ist, kann nicht mehr überraschen, eigentlich nur noch langweilen. Meine Meinung: Lesen ja, abfeiern nein. Vielleicht liegt es auch daran, dass die drei Jahre zwischen seinem Erscheinen auf englisch und der deutschen Veröffentlichung heutzutage einfach zu lang ist, wenn es sich um ein Thema handelt, dass das schnelle Medium betrifft.

HACKER MIT MEGAFON: "Sparen sie Geld! Nehmen Sie einen unserer kostenlosen Panzer [Linux]! Er ist unverwundbar und kann bei einem Verbrauch von einer Gallone auf hundert Meilen mit neunzig Sachen über Felsen und durch Sümpfe fahren!"
AM KOMBI [Windows] INTERESSIERTER KÄUFER: "Ich weiß, dass Sie recht haben, aber...äh...ich weiß nicht, wie man einen Panzer wartet!"
MEGAFON: "Wie man einen Kombi wartet, wissen Sie doch auch nicht!"

 

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pdm/pdm-0211 - Illustration
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