Die Hohner Melodica

Produkt des Monats September 2002

von Oliver Schwarz

Die Melodica. Heisst albern, hört sich eigenartig an, sieht geschmacklos aus und wer sie spielt, wirkt auch eher verschroben. Oder?

Nachdem vor 3 Monaten der Kollege Runte den PT10 von CASIO vorgestellt hat, möchte ich mit dem aktuellen Produkt in eine ähnliche Richtung, aber noch ein bisschen weiter retro, gehen. Folgender Grundgedanke: Wenn der PT10 einer der ersten (wenn nicht gar DER erste) digitalen Synthesizer war, den man bequem in die Tasche stecken und aus selbiger dann als Topentertainment auf jeder Party 1982 zaubern konnte, dann ist die Melodica von HOHNER vielleicht der analoge Vorläufer, mit dem man schon in den 1960er Jahren garantiert jeden Hausmusikabend zu rocken wusste und (sic!) den es auch heute noch in nahezu gleichem Look für 41 Euro zu kaufen gibt.

Gebaut seit 1959 in Trossingen, gibt es die Melodica in mehreren Ausführungen (schwarz oder bunt) und Tonlagen (von Bass bis Sopran), von den zahlreichen bauähnlichen Fabrikaten anderer Hersteller (die so ausdrucksstarke Namen wie Diamonica, Pocket Piano oder Pianica tragen) mal ganz zu schweigen.

Die HM-900, um die es hier geht (wie bei Herrn Runte auch ein Flohmarktschnäppchen), ist eine Sopran-Melodica. Gespielt wird sie blasend (logisch, aber igitt, werden Sie denken, und dann vom Flohmarkt?!? Einfach nicht dran denken...), wobei andere Modelle noch den Komfort eines Schlauch-Mundstückes liefern, welches einfacher zu reinigen ist und die Sicht auf die Tastatur für Anfänger erheblich vereinfacht - und Anfänger sind wahrscheinlich die bevorzugte Klientel dieses Instrumentes, will sagen: Wer seine musikalische Früherziehung nicht auf der Blockflöte absolviert, der macht sicherlich schnell Bekanntschaft mit der Melodica und kann ähnlich erfolgreich in Melodica-Ensembles Elternohren quälen. Dafür lernt man dann aber wenigstens schon Klaviatur und nicht die unsinnigen Löcher-Ton-Kombinationen von Holzblasinstrumenten.

Der Tonumfang dieser Melodica beträgt zwei Oktaven und wem der charakteristische Klang noch nicht so geläufig ist, der sollte sich entweder Platten von Rock-Steady-Veteran Augusto Pablo, den amerikanischen Eighties-Poppern "The Hooters" sowie die LPs "Vanishing Point" und "Echo Dek" von "Primal Scream" (Anspieltip: "Star") anhören oder einfach eine klangliche Mischung aus einer Mundharmonika und einem Akkordeon vorstellen. Das letztere der Melodica sehr nahe kommen, ist kein Zufall, werden beide Vergleichsobjekte doch auch bevorzugt von Hohner gebaut und beruhen auf dem gleichen mechanischen Prinzip: gestimmte Metallzungen werden durch Luftströmungen zum Schwingen gebracht und erzeugen, verstärkt durch eine Resonanzkammer, Töne.

Jetzt werden Sie sich sicherlich fragen: Wenn das Ding so´n Hammer ist (Produkt des Monats, know what I mean?), warum wird es dann heute so verschwindend gering in Pop- und "ernsthafter Musik" eingesetzt?? Ganz einfach und schon gesagt: Eine Melodica heisst albern, hört sich eigenartig an, sieht geschmacklos aus (das Sopran-Modell ist lindgrün, passt damit, s. Foto, in jedes 50er-Jahre-Badezimmer-Ambiente) und wer sie spielt, wirkt auch eher verschroben. Aber: Das Gerät ist extrem handlich, der Klang ist - vor allem durch ein dubbiges Delay gespielt - unverwechselbar und es können - anders als auf Blockflöte und Mundharmonika - Harmonien und Melodien gleichermassen auf ihr gespielt werden. Und, um noch mal auf den PT10 zurückzukommen: Auch Groove kann mit der Melodica gemacht werden. Einfach in die linke Hand nehmen und mit einem Finger der rechten, wie über eine Guiro den Bossa Nova streichen. Klappt perfekt, nur die Melo muss dann jemand anders übernehmen. Alles in allem ist die Melodica ein bezauberndes Unikat in einer Zeit in der jedes Gerät alles können muss - das wird sie nie und dafür sollten wir sie lieben! Blow, boys and girls, blow!

 

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pdm/pdm-0209 - Illustration
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