Dietmar Dath: Am Blinden Ufer

Produkt des Monats August 2000

von Kirsten Riesselmann, Timo Meisel

Für unser Produkt des Monats gibts eine Doppelrezension. Weil man ganz unterschiedliche Perspektiven darauf haben kann. Einigkeit herrscht aber über die Feststellung, ähnliches noch nie gelesen zu haben. Nur um kurz die Handlung zu umreissen: Monster steigen aus dem Meer und ziehen über das Land in Richtung Zivilisation, werden dort zurückgeschlagen und bewegen sich, erneut über die Schneise der Verwüstung, die sie auf dem Hinweg hinterlassen haben, zurück in Richtung Meer. Zum Schluss erstarrt alles zu Stein. Und der Meeresvater wird von den Leuten aus dem Promontorium erlegt.

Kirsten schreibt:

"An einem leicht bewölkten Morgen begann sachte und unmerklich die letzte der Zeiten."

Zerfetzte Delphinartige am Strand findet der Leuchtturmmann Volker Kappelhoff. Das erste Symptom des Zeitenendes. Ein Zeitenende, das in einer Welt stattfindet, die zeitmässig sowieso schon arg durcheinandergeraten ist: Gestern ist heute ist morgen.

In Dietmar Daths neuem Roman trifft man auf Protagonisten mit einer wohlbekannten Achtzigermusiksozialisation, aus Provinznestern in den "Schnitten" stammend, die einerseits eine mittelalterlich-rurale, tolkieneske Idylle ausstrahlen, andererseits der kontinuierlichen Veränderung der raumzeitlichen Koordinaten ausgesetzt sind. Am Rand der "Schnitte": das nicht mehr schiffbare, zur verdrängten Bedrohung gewordene Meer, pseudowissenschaftlich beobachtet nur von Volker, dem Leuchtturmmann. Am anderen Rand: die Megapolis Borbruck, die für die Bewohner der "Schnitte"als phantasmatische Überwachungs- und Schutzinstanz und für Volker als unansprechbarer Auftraggeber fungiert und mit der man über diverse Kommunikationsmedien wie dem "Gravnetz" in Kontakt zu stehen glaubt.

Volkers besorgniserregende Funde an jenem besagten Morgen sind tatsächlich nur düsterere Vorboten dessen, was kommen wird: Mutierte Seeungeheuer und menschliche Skelette kriechen aus dem Meer und treten einen verheerenden Raub- und Mordzug an, begleitet von Sturm und Gewitter. Volker verläßt seinen selbstgewählt monotonen Alltag auf dem Leuchtturm und folgt den Monstrositäten in die 'Schnitte', findet sein Heimatdorf fast zerstört und erlebt die spektakuläre Schlacht gegen die alptraumhaften Geschöpfe, die ein zweites Mal auf dem Rückweg zum Meer das Dorf passieren.
Inmitten dieser Szenerie von Verwüstung, Tod und Chaos treffen sich alte Freunde wieder, der Ausnahmezustand produziert 'Wahrheiten', die gemeinsam verbrachte Jugend wird belächelt und gewertschätzt, sogar ein neues Sich-Verlieben ist möglich.

Dietmar Dath entwirft eine erstaunliche Version der Apokalypse: ein skurriles Mischmasch aus blutrünstiger Horrorgeschichte, sentimentaler Fantasy, Reflexion über Freundschaft zwischen Jugend und Erwachsen-Sein, Relativitätstheorie und poststrukturalistischen Anleihen bei Zeit- und Raumdenken.
Vielleicht dreht Dath den Derrida'schen Nicht-Ursprung um zu einem "Nicht-Ende" der Welt, das kein einmaliges, unumkehrbares Ereignis ist, sondern ein Prozeß, in dem sich die lineare Zeit auflöst, zwei Tage für die einen zwanzig Jahre für die anderen bedeuten, das feste Land tektonisch zu fließen und temporär inexistent zu werden beginnt und sich das eigentlich flüssige Meer verhärtet und unter den zwei Sonnen zu schwarz-lila Stein gerinnt. Und über die glatte Oberfläche des einstigen Meeres tanzt am Schluss die Möglichkeit einer post-apokalyptischen Daseinsform heran...

"Am blinden Ufer" ist großartig. Nicht daß die Story so überzeugend wäre: Unheimliche Invasoren entsteigen dem nassen Element, bringen Tod und Elend, werden aber letzten Endes von wehrhaften Menschen besiegt...
Eigentlich eine kurze, altbekannte Episode. Dietmar Dath schafft es aber mit seiner wenig pathetischen, klaren Sprache, die nur ganz manchmal ein bisschen an krampfig gewollte Poeten denken lässt, eine Stimmung zu produzieren, die nur mit der schlürfenden Lesesucht aus Karl May- und Hobbit-Tagen vergleichbar ist.

Timo schreibt:

'Am Blinden Ufer' ist die Geschichte vom Leuchtturmmann Volker und seinen Freunden.

Cordula, die Schere zwischen Projektion und Selbstwahrnehmung, Nadja, real, physisch und pragmatisch, Andreas, stille Bewunderung bis zur Selbstaufgabe, Johanna und Christine, Liebe, die nur in den Köpfen der Beiden nicht 'ist', der Leuchtturm, die selbstgewählte Isolation, Krankheit, der Mentor Richard, Kindheit, Pubertät, gemeinsame Erinnerungen, grundverschiedene Lebensentwürfe. Die Konstellation sowie die einzelnen Charaktere sind hochdynamisch, und das aus notwendigen Gründen: wer überlebt, lebt mit der Ereigniskette, die voranging. Bis auf Cordula. Sie hat sich durch das Aufspüren eines anderen Raum-Zeit-Kontinuums von einer linearen Zeit emanzipiert. Genau deshalb wird sich das in einem Traum manifestierte Verhältnis Volkers, des Protagonisten dieses Romans, zu ihr am radikalsten wandeln.

Je mehr Brüche und Faltungen, Fragmentierungen und Gleichzeitigkeiten Volker erfährt, desto mehr wandelt sich sein Traum in die Wirklichkeit, die ihn umdeutet, vice versa. Schuld und Krankheit werden zu Versöhnung und Gesundung. Ein neues Zeitalter bricht an. Das Setting ist eine Gegenwart, die gleichzeitig archaisch und futuristisch anmutet, aber immer eindeutig als Gegenwart erkennbar bleibt. Es gibt in dieser Gegenwart Bücher von Danielle Steel, Platten von den Smashing Pumpkins, es gibt Nadelgewehre, das Gravnetz, eine Art Internet. Buphlonks, die ein Allround-Nutztier sind, und Delphine, denen man auch in dieser Welt unterstellt, intelligent zu sein.

Die Stadt Borbruck ist das Machtzentrum dieser Welt, die Dörfer in den sogenannten 'Schnitten' zwischen Stadt und Meer, hier St.Cadoc, sind der Hauptort des Geschehens. Es gibt das Meer, ein grosses Geheimnis, alte und neue Religionen, die vermitteln, dass schon viel Zeit vergangen ist, dass ein langer Weg bereits mehrfach zurückgeklegt wurde, um in speziell dieser Gegenwart anzukommen. Die Prophezeiungen von St. Oswald, der, wie Cordula, das Promontorium entdeckt hat, das Zentrum des mehr als vierdimensionalen Raumes. Die Schnitte desintegrieren sich. Aus dem Meer steigen Untote und Monster, überrollen die Schnitte, schlachten alles Leben ab, das ihnen in die Quere kommt.

'Wenn erst einmal die Desintegration komplett ist, fängt alles wieder von vorne an. Kleine negentropische lokale Wirbel, wenn das Temperaturgleichgewicht erreicht ist, sozusagen. Dann wird die Sphäre selber aufbrechen, und nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren wird es einen Pegelausgleich mit dem Rest der Noosphäre geben.' (Cordula)

Dietmar Dath: Am blinden Ufer. Verbrecher Verlag, Berlin 2000

 

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pdm/pdm-0008 - Illustration
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