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Kraftwerk vs. Pelham: Bundesverfassungsgericht urteilt mit Großmann-Zitat

Feed #11 // 2016

von ((audio))

Im Streit zwischen Moses Pelham und Kraftwerk entschied das Bundesverfassungsgericht im Sinne der Kunstfreiheit pro Sampling – mithilfe eines Zitats unseres Teamchefs.

Manche Kunst wird vor Gerichten verhandelt – mit engem Bezug zur Wissenschaft. Zwei Sekunden lang ist das Sample aus Kraftwerks Stück „Metall auf Metall“, wegen dem seit zwölf Jahren und über fünf Instanzen hinweg vor deutschen Gerichten gestritten wurde. Moses Pelham hatte den kurzen Loop für das Stück „Nur Mir“ verwendet, das er 1997 für Sabrina Setlur produzierte. Am 31. Mai hat das Bundesverfassungsgericht pro Sampling geurteilt und die Verwendung erlaubt. Grundlegend für die Entscheidung ist auch ein Zitat von Rolf Großmann, ((audio))-Projektleiter und Professor für Digitale Medien und auditive Gestaltung.

„Der Einsatz von Samples ist eines der stilprägenden Elemente des Hip-Hop. Der direkte Zugriff auf das Originaltondokument ist – ähnlich wie bei der Kunstform der Collage – Mittel zur ‚ästhetischen Reformulierung des kollektiven Gedächtnisses kultureller Gemeinschaften’ “, heißt es im Urteil, das eine Passage aus „Die Geburt des Pop aus dem Geist der phonographischen Reproduktion“ von Großmann aus dem Jahr 2008 zitiert. Wenn es für den künstlerischen Ausdruck nötig ist, dürfe laut Verfassungsgericht also gesampelt werden. Die Richter erkennen auch an, dass diese Gestaltung für Genres wie Hip-Hop grundlegend ist – und dabei manchmal wichtiger als das Leistungsschutz-Recht, auf das sich Kraftwerk als Kläger berufen.

Rolf Großmann begrüßt die Entscheidung aus Karlsruhe: „Das Verfassungsgericht hat sich gegen die Kriminalisierung einer gängigen kulturellen Praxis entschieden und der Kunstfreiheit den Vorrang eingeräumt. Im 21. Jahrhundert sind Collage, Montage und eben auch Sampling Ausdruck eines medialen Wandels schöpferischer Verfahren. Diese stark einzuschränken oder gar ganz zu untersagen wäre für Kunst und Kultur wenig hilfreich.“

„Nur Mir“ von Sabrina Setlur könnt ihr hier sehen

 

Hört hier „Metall auf Metall“ von Kraftwerk



Hier findet ihr das Urteil und die Begründung des Gerichts.

 

Quelle: http://audio.uni-lueneburg.de/audiofeed/audiofeed1606.php, 23.09.2017