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Ästhetische Strategien
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"On Sight"

Feed #03 // 2013

von Lucas Gloe

Neues aus Musikalisches Material und Ästhetischer Wert - eine Rezension von Lucas Gloe:

Kollaborationen zwischen Hip-Hop- und, wie sie in Amerika durchweg betitelt werden, EDM-Acts, sind, vor allem im Zuge der Eroberung der weltweiten Charts durch Elektrohouse und Stadiontrance, für amerikanische Rapper kein Tabu mehr. Ob G-Funk-Legende Snoop Dogg und Young-Money-Wachspuppe Nicki Minaj mit EDM-Botschafter David Guetta, der ehemalige Dirty-South-Schreihals Lil' Jon mit Rave-Samurai Steve Aoki oder P. Diddy mit dem Schweizer DJ Antoine – offensichtlich kommerziell motivierte Paarungen finden inzwischen zuhauf statt und können sich auch – so zumindest scheinbar in ausreichend Fällen – durchsetzen.
Bei diesen Beispielen handelt es sich jedoch um Songs, die das Schema F des einen Genres mit dem Schema F des anderen verbinden: Rapper X performt seine "I got so much money and Champagne"-Raps nun eben über einen nächstbesten Riesen-Build-up-Riesen-Drop-Track von DJ Y. So entstehen zwar eingängige Partysongs, die jedoch von den bekannten Klischees der beiden beteiligten Genres leben und sich oft zusammengewürfelt und unorganisch anhören. Beide Genres scheinen oft nicht von Ihren Standardformen loszukommen, sodass eine gegenseitige Befruchtung und damit eine Entwicklung grundsätzlich unterdrückt bleibt.
Hört man vor diesem Hintergrund von einer extensiven Kollaboration zwischen Daft Punk und Kanye West, mag man zunächst Schlimmes vermuten. 1
Kanye, zwar nie um kontroverse Schlagzeilen verlegen, ist allerdings als Musiker bereits dafür bekannt, neue Wege und Experimente nicht zu scheuen, und auch Daft Punk, die mit "Get Lucky" die weltweiten Airplay Jahrescharts anführen sollten, haben zuletzt mit ihrem Album im Retro-Disco-Kostüm zumindest für Abwechslung im Mainstream-EDM gesorgt.
"On Sight", der Opener von Kanyes Daft Punk-produziertem "Yeezus" Album, ist alles andere als ein Partysong. Brutaler und unkonventioneller kann man kaum anfangen. Mega-Distort-Synthies werden zu einem reißenden Lo-Fi-Overdrive-Acid-Track. Dabei bezieht sich Kanye auf seine Heimatstadt Chicago, die als Wiege des Acid House bekannt ist. Soundästhetisch erinnert "On Sight" an von Kritikern gefeierte Labels wie Triology Tapes oder L.I.E.S., die absichtlich auf einen Lo-Fi-Tape-Sound setzten. Allerdings ist "On Sight" anstelle von einem 8 Minuten-Underground-Acid-Workout 2 der Startschuss für eines der meistantizipierten Mainstream-Rap-Alben des Jahres.
So unterstreicht Kanye in den Lyrics, was auch musikalisch im Instrumental deutlich wird: "How much do I not give a fuck?" ist eine Absage an die Chartstürmer-Erwartungen und Hip-Hop-Nostalgiehoffnungen der Fans.
Das Cut- und Paste-Sample in der Mitte des Songs bringt die Message auf den Punkt: "He'll give us what we need" lautet die durch die süßesten Kindergospelchorstimmen offenbarte Message des Propheten Kanye West. Albumtitel "Yeezus" und weitere Songs, wie "I Am a God" machen Kanyes Selbstverständnis als Gottheit noch einmal deutlicher. Seine Selbsteinschätzung wird bei Rapgenius dazu passend von einem offensichtlichen Kanye-Jünger folgendermaßen dargelegt: "Kanye makes music that the public need, not what they desire, so at first we may say it is bad, different and unlistenable but we come back to it because it's the music that we need to listen to." 3
Nun mag man dieser Position von Kanye gegenüberstehen, wie man will – bekanntermaßen sind seine Arbeiten meistens sehr polarisierend – doch insbesondere im Vergleich mit den Eingangsbeispielen wirkt die Kollaboration von Kanye West und Daft Punk innovativ und erfrischend, gerade weil beide Artists ihre gewohnte "Comfort Zone" verlassen.

 



  1. Daft Punk sind an mindestens vier Songs von Kanyes neuem Album beteiligt. Den genauen Grad der Beteiligung festzustellen ist jedoch schwer möglich, bei jedem Song werden mindestens 3 Producer genannt.
  2. Die ursprüngliche Instrumental Version von "On Sight" soll 14 Minuten lang gewesen sein.
  3. http://rapgenius.com/Kanye-west-on-sight-lyrics
Foto: (CC) flickr/rodrigoferrari

Quelle: http://audio.uni-lueneburg.de/audiofeed/audiofeed1303.php, 24.09.2017